Für mich persönlich war die Selbstdefinition durch Kleidung bis vor ca. 3 Jahren etwas sehr Nebensächliches. Oder besser: es war mir so ziemlich scheissegal! Ich hatte 3 alte Jeans, 3 T-Shirts und 3 Pullover im Kleiderschrank und das wars in etwa. Aber irgendwann begann ich selber Geld zu verdienen, hatte plötzlich mehrere tausend Franken auf dem Konto und mit dem Geld kam der Wunsch nach einem neuen/anderen Selbst.
Das hat sicherlich einerseits auch mit meiner Persönlichkeitskrise zu tun und andererseits mit der Tatsache, dass ich von Natur aus ein Mensch mit einem extrem starken Streben nach Ästhetik bin.
Mir ist aber schnell eines klar geworden: In unserer Gesellschaft GIBT ES KEINE Männer mit starkem Sinn für Ästhetik. Das ist den Frauen vorenthalten. Sicherlich darf Mann auch ein bisschen ästhetisch sein....aber....sind wir mal ehrlich: gehen wir als Mann in ein grosses Kleidergeschäft, fühlen wir uns wie gehetzte Tiere (also ich zumindest). Man streift zwischen den Regalen umher und denkt ständig "scheisse, überall Frauenkleider, ich bin in einer Frauenboutique gelandet, was wird man von mir denken, schnell raus hier". Und irgendwo entdeckt man ein Schild: "MEN". Irgendwo in einem Ecken des (3-stöckigen) Kaufhauses stehen ein paar alte Regale mit einigen wenigen Standard-Streetstyle-Urban-0815-Outfits. Um genau zu sein: Outfit 1, Outfit 2 und Outifit 3, alle sehe in etwa gleich beschissen aus und alle sehen so aus, als würden 80% der Männer auf der Strasse genau eines dieser Outfits tragen.
Oder Jeans: Modell 1, Straight leg. Modell 2, straight leg. Modell 3, straight leg.
Manchmal denkt man sich als Mann, man schaut mal was die Damen für eine Auswahl haben an Jeans: Modell 1.5.2.9.5.7: middle straight leg, low waist slimfit extra large pocket zipper at the ass sexy ballerina street baby gaga style.
Modell 1.7.3.9.1.4.6: extra small slimfit tight ass and super large leg spandex street city oversized
Modell 4.8.1.0.2.864.7534klf-fds-764-hgf324g-d)&/&%): Extra large left leg and small right leg ultra low waist tight pocket at the upper side off the downwards up underpant zipper over under upper super giga gaga haga luga blabla blubblub
Der erste Gedanke ist dann bei mir meistens: Zum Glück bin ich keine Frau. Aber der zweite folgt sogleich: Warum tragen Männer in der Regel immer die selben 5 Einheitsuniformen und Frauen haben Auswahl auf einer Fläche so gross wie der Kanton Bern?
Aber egal. Im Grunde geht es um etwas völlig anderes. Im Grunde geht es ja um Reduktion. Ich wünschte ich wäre wieder so wie früher, als ich 3 Monate lang die selben Jeans trug und alle 5 Jahre einmal einen Kleiderladen betrat, um ihn 3 Minuten später mit zwei Billigjeans wieder zu verlassen. Mittlerweile muss ich darüber nachdenken, mir einen grösseren Kleiderschrank anzuschaffen. Da kommt es gerade richtig, dass ich momentan völlig bankrott bin. Und was ich alles an Kleidungsstücken gekauft habe, die ich sozusagen nie trage, da frage ich mich manchmal echt, von welchem Konsumteufel ich geritten war.
Ich finde mich diesbezüglich des öfteren in einem Dilemma wieder. Denn es ist egal was ich anziehe, ich übe immer irgendwie eine Wirkung auf mein Umfeld aus. Schon auch nur die Frisur macht sooo viel aus. Als ich noch Dreads hatte, wurde ich im Alltag ganz anders behandelt als jetzt mit meiner 5-Millimeter-Frisur. Oder schon nur der Unterschied, ob man ein klassisches Hemd trägt oder ein altes t-Shirt: man wird sofort ganz anders beäugt. Und dann kommt immer wieder die innere Aufforderung: Sei einfach du selbst! Das ist schwierig, wenn man kaum weis, wer man eigentlich ist.
Viele werden sich jetzt denken, Selbstdefinition ist scheisse. Aber wenn ich an einer Goa all die Freaks sehe in ihren farbigen Umhängen mit Glöckchen und Schleifchen, die typischen Zwergenmützen und Elfenkapuzen, das ist natürlich Selbstdefintion pur. Und es kann nicht so viel mit einer Konsumverweigerung zu tun haben, denn diese Goakleider sind ja zum Teil schweineteuer. Und ich frage mich oft, ob all jene, die auf Goa machen, sich innerlich auch danach fühlen oder ob sie sich nur so kleiden, damit sie einer Gruppe zugehören. Denn der Mensch ist schliesslich ein Herdentier und er fühlt sich wohl unter Gleichgesinnten, die die selbe Musik hören, die selbe Gesinnung haben und eben auch die selben Kleider tragen.
Irgendwie konnte ich damit nie sehr viel anfangen. Ich war nie ein Herdentier. Vielleicht phasenweise, aber ich brach immer wieder aus einer Herde aus, weil sie mir irgendwann zuwider war. Und dementsprechend definiere ich mich heute auch: Ein bisschen von dem, ein wenig von jenem, hauptsache es beisst sich irgendwie.
Am sympathischsten ist mir heute eigentlich alles was irgendwie währschaft/klassisch daher kommt. Aber es muss immer irgendwie auch eine gewisse Komponente dabei sein, die das ganze aus der Reihe tanzen lässt. Ich meine, trotz der grossen Auswahl die wir heute haben, sehen die meisten Menschen irgendwie alle gleich aus. Und auch ich lasse mich zuweilen vom Strom mitreissen. Denn wer unauffällig ist, kommt besser zurecht. Es ist anstrengender gegen den Strom zu schwimmen. Aber es wäre eigentlich wünschenswert, dass es wieder mehr Menschen gibt, die sich gegen die Normen und Regeln stellen (wobei viele eben genau das wollen, aber es gibt ja nichts mehr was es nicht gibt). Nicht zuletzt ist es immer auch eine Konsumfrage und somit eine wirtschaftliche/ökologische/menschenwürdebezogene Frage. Denn die meisten Kleider in unseren Läden werden heute noch in Billiglohnländern hergestellt, zuweilen unter grossen Belastungen für die ansässige Bevölkerung und der Umwelt (Färbe- und Bleichmittel, Baumwollkulturen => Pestizide etc.). Nicht zuletzt ist auch die Chemie erwähnenswert. All das Polyester-Zeugs, das punkto Sportbekleidung zwar genial ist, wird aus Erdöl hergestellt.
Von dem her wäre eine "back-to-trash"-Ära (oder auch Grunge) wohl am besten: Alles so lange tragen, bis es sich von selbst aufgelöst hat.
Das wär doch was. Schliesslich beginnt die Jeans-Industrie jetzt immer mehr used-Jeans herzustellen (was ich persönlich einen völligen Gugus finde). Da wäre es doch einfacher, die Jeans die man schon hat eben so lange zu tragen, bis alles zerfleddert.
Hach, das waren noch Zeiten, als man noch mit Sicherheitsnadeln die Löcher an den Knien am weiteren Aufreissen zu hindern versuchte.
Aber mich würde es mal wunder nehmen, was die Leute hier auf dem Forum dazu so denken. Zieht ihr euch so an, wie ihr euch fühlt? Und wie wisst ihr, dass es wirklich eurem Gefühl entspricht? Oder ist es euch völlig egal? Tatsache ist, dass die Goa-Bewegung schon eher eine konsumverweigernde Bewegung ist. In der Realität sieht es zwar völlig anders aus, eine Goa ist ja eine pure Konsumparty, so wie sowieso fast alle Parties. Aber ich würde sagen von der Gesinnung her sind die meisten Menschen an solchen Party schon eher in Richtung "weniger isch meh" orientiert.
