Meine letzten Worte
Verfasst: Di 22. Jul 2014, 22:12
Ich nehme mir das Recht heraus, dafür einen eigenen Thread zu eröffnen. Ich könnte das Posting zwar auch in meinem eigenen Lieblingsthread "I have a dream" anhängen, es würde geradeso gut passen. Aber da dieser Thread das ende meiner "Goakarriere" markieren wird, das diesmal definitiv hier ist, wie ich glaube, dachte ich, er wäre es wert.
Ich war 19. November 2007. Meine erste Goa. Ein totaler Kulturschock! Aber ich glaubte, gefunden zu haben, wonach ich lange gesucht habe. Heute weiss ich, dass das ein Trugschluss war. Der Drang, der mich während meiner gesamten Goazeit begleitete, war derjenige, Anschluss zu finden, einer Gruppe anzugehören, auch, eine Freundin zu finden. Ok, ich hatte meine SZENE gefunden, aber ich fand meine GRUPPE nicht. Aus all den flüchtigen Bekanntschaften und einigen Partyfreundschaften ergab sich weder eine gute Freundschaft noch eine Liebesbeziehung (in letzterer befinde ich mich seit mehr als zwei Jahren, gottlob keine Goanerin).
Haha, das tönt ja fast so, als hätte ich die Szene hassen gelernt. Und ja, auch das habe ich. Ich dachte, ich hätte MEINE HIPPIEFAMILIE gefunden. In Wahrheit konnte ich in immer mehr Gesichtern nur Perspektivenlosigkeit und mit der Zeit tiefer gewordene Narben des Drogenlebens entdecken. Doch ich liess mich immer wieder mitreissen vom deliriösen Taumel, entdeckte meine Berufung als Oldschool- und Acidprediger. Aber die Tragik der vielen Abstürze und meine eigenen Abstürze in meinen Anfangsjahren haben mich dazu gebracht, mich schrittweise wieder vom Goatraum zu entfernen. Dann kam mein Wunsch, Bauer zu werden. Ich steckte alle meine Kraft in diese Ausbildung. Für Party blieb kaum mehr Zeit. Erst waren es vielleicht noch 5-6 Parties pro Jahr, dann 3, dann 2...
Ein neuer Lebensabschnitt hat begonnen. Die Lehre zum Landwirt hab ich hingeschmissen. Gründe? Das ist nicht mein Weg. Meine innere Stimme hat erst leise, dann immer lauter NEIN gesagt zu dieser Industrie, die nur an Effizienz, Profit und Wachstum interessiert ist. Ich will einen anderen Weg gehen. Es gäbe bessere Wege, ein Land zu ernähren, viel viel extensivere, spirituellere, friedlichere. Permakultur zum Beispiel. Und statt immer nur von einer besseren Welt zu träumen und zu sprechen, will ich mich auf die Suche nach ihr machen und hoffentlich eines Tages an ihrem Aufbau teilhaben.
Vor eineinhalb Monaten dann der Gong. Nunja, es war nicht eine Goa in dem Sinne. Aber es war eine Veranstaltung mit Menschen aus der Szene. Ich hatte einen schwerwiegenden Unfall. Mein Fuss ist noch immer nicht vollständig geheilt. Aber das wird wieder. Die Frage, die ich mir stellte, war: Was will mir dieser Unfall sagen? Und die Antwort, die mir meine innere Stimme sandte: Es ist vorbei! Das leben geht weiter, zieh du auch weiter! All die Menschen, die ich im Umfeld dieser Szene kennen gelernt habe, kannte ich nur im Rahmen der PARTY, des Rausches. Zeitweilige Ausflüge in Paralleluniversen, in denen die Welt einfach viel schöner aussieht. Und...ich muss es einfach auch einmal ehrlich aussprechen: Ich habe mich zwar mit gewissen besonders queren Vögeln stets sehr gut verstanden, fühlte mich auf der selben Wellenlänge, hatte das Gefühl von Verstandenwerden...musste aber auch erkennen, dass alle verhaftet sind in ihren Tragiken, ihren Süchten, ihren festgefahrenen Denkensweisen. Es ist einfach über den Staat zu wettern! Käme es drauf an, wäre ich lieber ein Teil derjenigen, die Molotow-Cocktails schiessen, statt nur stammtischmässig über die drohende neue Weltordnung zu orgeln. Es tut mir nicht gut, mich immer und immer wieder mit solchen Leuten zu umgeben...nicht zuletzt ertrage ich viele auch nur mit ordentlich Alk in der Birne. Ich will niemanden verurteilen, jeder soll seinen Weg gehen. Es ist einfach so: Die guten, WIRKLICH erbaulichen Freundschaften, die ich so beständig in dieser Szene gesucht habe, habe ich nie gefunden.
Im September ziehe ich mit meiner Freundin gen Süden, auf der Suche nach alternativen Gemeinschaften, Ökodörfern, einer Bleibe über den Winter. Mein Ziel ist: Ohne Geld reisen. Ich bin schon jetzt im Minus. Der Goodwill meines Vaters, mit dem ich lange Zeit nichts zu tun hatte, erlaubt es mir immerhin, bis zum Zeitpunkt der Abreise wohnen und essen zu können. Ich wehre mich schon jetzt gegen jene Teile des Staates, die mir nicht zusagen. Den Wehrpflichtersatz für dieses Jahr zahle ich einfach mal nicht. Fertig. Sollen sie doch kommen und mir den Bart aus dem Gesicht pfänden, wenn sie wollen. Ich will auch nicht mehr versichert sein. Meiner Meinung sind Versicherungen nur entstanden, weil man den Menschen genug Angst machen konnte, sie könnten ja ableben, bevor sie ihr trautes Heim erbaut haben, mit ihren zwei Autos, ihrem Laptop, ihrem Smartphone und dem gepützerleteten Gärtelein. Vor 100 Jahren haben sich Holzknechte einen offenen Bruch mitten im Forst selbst geschient. Heute seckelt der gute Bürger wegen jedem Bobo ins Spital.
Meine Freundin meint: Zuerst mal ein Jahr verreisen. Ich sage (und hoffe): Für immer. Ich habe genug von der Schweiz.
Wenn mir irgend jemand noch was mitteilen möchte, kann er das sicher noch bis ende Monat tun, im August werde ich kaum mehr online sein, wenn überhaupt.
Die Musik...Goatrance....dieser Sound hat mich auch in den Zeiten als ich mich immer mehr von den Parties entfernte immer begleitet. Sie hat mich nie losgelassen. Doch jetzt ist auch das weg. Ich hab keine Lust mehr, auf dieses Technogedöns. Dass sogar mein Gehör genug davon hat, deute ich als sicheres Zeichen für das endgültige Ende.
In Liebe
Dario
Dragonfly
Piuz (für die beiden Berner, die wohl kaum auf dem Form angemeldet sein werden, aber egal)
SFD
Ach ja. Ich stehe auf grossgekotzte Abschiedsreden, die möglichst ehrfürchtig vor mir selbst erscheinen sollten. Am liebsten würde ich noch eine Fanfare im Hintergrund tröten hören. Nunja, einer meiner grössten Makel: Ich bin ein totaler Egozentriker.
over an out
Ich war 19. November 2007. Meine erste Goa. Ein totaler Kulturschock! Aber ich glaubte, gefunden zu haben, wonach ich lange gesucht habe. Heute weiss ich, dass das ein Trugschluss war. Der Drang, der mich während meiner gesamten Goazeit begleitete, war derjenige, Anschluss zu finden, einer Gruppe anzugehören, auch, eine Freundin zu finden. Ok, ich hatte meine SZENE gefunden, aber ich fand meine GRUPPE nicht. Aus all den flüchtigen Bekanntschaften und einigen Partyfreundschaften ergab sich weder eine gute Freundschaft noch eine Liebesbeziehung (in letzterer befinde ich mich seit mehr als zwei Jahren, gottlob keine Goanerin).
Haha, das tönt ja fast so, als hätte ich die Szene hassen gelernt. Und ja, auch das habe ich. Ich dachte, ich hätte MEINE HIPPIEFAMILIE gefunden. In Wahrheit konnte ich in immer mehr Gesichtern nur Perspektivenlosigkeit und mit der Zeit tiefer gewordene Narben des Drogenlebens entdecken. Doch ich liess mich immer wieder mitreissen vom deliriösen Taumel, entdeckte meine Berufung als Oldschool- und Acidprediger. Aber die Tragik der vielen Abstürze und meine eigenen Abstürze in meinen Anfangsjahren haben mich dazu gebracht, mich schrittweise wieder vom Goatraum zu entfernen. Dann kam mein Wunsch, Bauer zu werden. Ich steckte alle meine Kraft in diese Ausbildung. Für Party blieb kaum mehr Zeit. Erst waren es vielleicht noch 5-6 Parties pro Jahr, dann 3, dann 2...
Ein neuer Lebensabschnitt hat begonnen. Die Lehre zum Landwirt hab ich hingeschmissen. Gründe? Das ist nicht mein Weg. Meine innere Stimme hat erst leise, dann immer lauter NEIN gesagt zu dieser Industrie, die nur an Effizienz, Profit und Wachstum interessiert ist. Ich will einen anderen Weg gehen. Es gäbe bessere Wege, ein Land zu ernähren, viel viel extensivere, spirituellere, friedlichere. Permakultur zum Beispiel. Und statt immer nur von einer besseren Welt zu träumen und zu sprechen, will ich mich auf die Suche nach ihr machen und hoffentlich eines Tages an ihrem Aufbau teilhaben.
Vor eineinhalb Monaten dann der Gong. Nunja, es war nicht eine Goa in dem Sinne. Aber es war eine Veranstaltung mit Menschen aus der Szene. Ich hatte einen schwerwiegenden Unfall. Mein Fuss ist noch immer nicht vollständig geheilt. Aber das wird wieder. Die Frage, die ich mir stellte, war: Was will mir dieser Unfall sagen? Und die Antwort, die mir meine innere Stimme sandte: Es ist vorbei! Das leben geht weiter, zieh du auch weiter! All die Menschen, die ich im Umfeld dieser Szene kennen gelernt habe, kannte ich nur im Rahmen der PARTY, des Rausches. Zeitweilige Ausflüge in Paralleluniversen, in denen die Welt einfach viel schöner aussieht. Und...ich muss es einfach auch einmal ehrlich aussprechen: Ich habe mich zwar mit gewissen besonders queren Vögeln stets sehr gut verstanden, fühlte mich auf der selben Wellenlänge, hatte das Gefühl von Verstandenwerden...musste aber auch erkennen, dass alle verhaftet sind in ihren Tragiken, ihren Süchten, ihren festgefahrenen Denkensweisen. Es ist einfach über den Staat zu wettern! Käme es drauf an, wäre ich lieber ein Teil derjenigen, die Molotow-Cocktails schiessen, statt nur stammtischmässig über die drohende neue Weltordnung zu orgeln. Es tut mir nicht gut, mich immer und immer wieder mit solchen Leuten zu umgeben...nicht zuletzt ertrage ich viele auch nur mit ordentlich Alk in der Birne. Ich will niemanden verurteilen, jeder soll seinen Weg gehen. Es ist einfach so: Die guten, WIRKLICH erbaulichen Freundschaften, die ich so beständig in dieser Szene gesucht habe, habe ich nie gefunden.
Im September ziehe ich mit meiner Freundin gen Süden, auf der Suche nach alternativen Gemeinschaften, Ökodörfern, einer Bleibe über den Winter. Mein Ziel ist: Ohne Geld reisen. Ich bin schon jetzt im Minus. Der Goodwill meines Vaters, mit dem ich lange Zeit nichts zu tun hatte, erlaubt es mir immerhin, bis zum Zeitpunkt der Abreise wohnen und essen zu können. Ich wehre mich schon jetzt gegen jene Teile des Staates, die mir nicht zusagen. Den Wehrpflichtersatz für dieses Jahr zahle ich einfach mal nicht. Fertig. Sollen sie doch kommen und mir den Bart aus dem Gesicht pfänden, wenn sie wollen. Ich will auch nicht mehr versichert sein. Meiner Meinung sind Versicherungen nur entstanden, weil man den Menschen genug Angst machen konnte, sie könnten ja ableben, bevor sie ihr trautes Heim erbaut haben, mit ihren zwei Autos, ihrem Laptop, ihrem Smartphone und dem gepützerleteten Gärtelein. Vor 100 Jahren haben sich Holzknechte einen offenen Bruch mitten im Forst selbst geschient. Heute seckelt der gute Bürger wegen jedem Bobo ins Spital.
Meine Freundin meint: Zuerst mal ein Jahr verreisen. Ich sage (und hoffe): Für immer. Ich habe genug von der Schweiz.
Wenn mir irgend jemand noch was mitteilen möchte, kann er das sicher noch bis ende Monat tun, im August werde ich kaum mehr online sein, wenn überhaupt.
Die Musik...Goatrance....dieser Sound hat mich auch in den Zeiten als ich mich immer mehr von den Parties entfernte immer begleitet. Sie hat mich nie losgelassen. Doch jetzt ist auch das weg. Ich hab keine Lust mehr, auf dieses Technogedöns. Dass sogar mein Gehör genug davon hat, deute ich als sicheres Zeichen für das endgültige Ende.
In Liebe
Dario
Dragonfly
Piuz (für die beiden Berner, die wohl kaum auf dem Form angemeldet sein werden, aber egal)
SFD
Ach ja. Ich stehe auf grossgekotzte Abschiedsreden, die möglichst ehrfürchtig vor mir selbst erscheinen sollten. Am liebsten würde ich noch eine Fanfare im Hintergrund tröten hören. Nunja, einer meiner grössten Makel: Ich bin ein totaler Egozentriker.
over an out