Zweites Zazen - 24. November 2008
Verfasst: Fr 12. Dez 2008, 13:33
Wo ich hin muss, weis ich ja bereits, also machte ich mich etwas später als vor zwei Wochen, aber dennoch mit Zeitreserve auf den Weg. Er führt durch eine zuckersüss verschneite Landschaft. Nur noch ein paar Zentimeter weniger dick müsste die Wolkendecke sein, dann wäre die Sonnenbrille wieder nötig, so stark reflektiert der Schnee.
Wie diese Sitzung wohl sein wird? Jeder kennt sie; die Erwartungen, denen man sich nur zu gerne hingibt, wenn man nach einem Erfolgserlebnis eine Sache zum zweiten Mal in Angriff nimmt. Nur zu gerne möchte der menschliche Geist Dinge wiederholen. Ich versuche alle Erwartungen abzulegen. Besonders die Hoffnung, es könnte mir diesmal einfacher fallen, oder ich könnte mehr erreichen, will ich gar nicht erst aufkommen lassen. Ich mache mir bewusst, dass es alles nur einmal gibt, und in diesem Moment erreiche ich den verschneiten Parkplatz.
Die Nummer 16 scheint mir sympathisch. Ich stelle meinen Wagen ab, und ehe ich mich versehe, wate ich durch eine Mischung aus Matsch und Neuschnee. Gehe vorbei am Einkaufszentrum und zur Wendeltreppe hin. Die Dinge erscheinen mir anders als letztes Mal. Sie wirken schon nahezu fremdartig. Des Dalai Lamas Worte, dass die Dinge nicht inhärent existieren, gehen mir durch den Kopf. Wie recht er doch hat.
Ich öffne die Tür zum ökumenischen Zentrum und trete ein. Mir fällt auf, dass der Raum in dem wir letztes Mal meditiert haben leer ist. Dafür erblicke ich meine Meisterin mit einer Schülerin in der Küche. Diese beiden Menschen erscheinen mir im Vergleich zum letzten Mal sehr vertraut. Mein Augenmerk fällt auf die Schülerin. Sie ist gross, blond, komplett schwarz gekleidet, vielleicht Mitte vierzig und trägt eine Brille. Ich durfte sie letztes Mal schon kennen lernen, erinnere mich aber nicht an ihren Namen.
Es ist schwer zu beschreiben, was mir an der Dame auffällt. Anders als alle anderen scheint sie irgendwie zu leuchten. Sie leuchtet, aber nicht im sichtbaren Bereich, sondern irgendwie.... Egal. Ich wende mich den praktischen Dingen zu und helfe beim Einrichten.
Später erfahre ich, dass wir heute in der eher kleinen Küche sitzen, weil in unserem üblichen Raum die Heizung nicht funktioniert. „Es wäre unmöglich da drüben zu sitzen, und ich bin froh, dass wir hier sein können. Ich hätte euch sonst wieder nachhause schicken müssen“ sagt unsere Meisterin. Mir wird wieder bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in einem geheizten Raum zu sitzen. Ich werde ebenfalls dankbar, dass es mir heute überhaupt möglich ist, sitzen zu können. Ich wäre wohl sehr enttäuscht gewesen, hätte ich unverendeter Dinge umkehren müssen.
Nach den üblichen Ritualen setzen wir uns. Auch diesmal wird uns aus dem Buch „fünf Dinge“ vorgelesen. Ganz schön anspruchsvoll, was einem hier am Montagmorgen zugemutet wird. Ich brauche all meine Konzentration um den Text auf einmal und umfassend aufzunehmen. Genau genommen gelingt es mir trotz meinen Bemühungen nicht, den Inhalt in seiner ganzen Tiefe zu verstehen.
„Ich bin ja auch hier, weil ich ein bisschen gefordert werden will“. Denke ich mir und vertraue darauf, dass die für mich wichtigen Passagen in mich eingedrungen sind.
Diesmal sitzen wir japanisch, also gegen die Wand. Ich bin froh darüber, denn wir sitzen so eng beieinander, dass man sein Gegenüber sonst zwangsläufig im Sichtfeld hätte. Meine Fähigkeiten sind noch lange nicht soweit, dass ich eine bunt gekleidete Person im Sichtfeld einfach ausblenden und bei mir bleiben könnte.
Mein Sitz fühlt sich gut an. Er ist stabiler und lockerer als noch vor zwei Wochen. Wenn nur diese diffuse Müdigkeit nicht wäre. Dieses belämmert sein, dieser Nebel im Geist, der sich manchmal ganz schön in mir ausbreitet. Die Müdigkeit zieht sich auch immer wieder zurück, bis sie im Hintergrund meiner Wahrnehmung verschwindet. Trotzdem scheint sie aber nie ganz von mir zu weichen.
Vielleicht gerade deswegen kommt es mir vor, als hätte ich den hellen Ton der Klangschale knapp verpasst, als die Meditation beginnt. Ich lasse mich dadurch nicht beirren und fokussiere mich auf den Atem. Meine Haltung korrigiert sich fast von selbst, annähernd ohne mein bewusstes Beitragen. Meine Beine und mein Po sind schon fast mit der Erde verwachsen. Wie mit einem Klettverschluss verbunden scheinen sie fest an der Unterlage zu haften. Sie verankern mein Becken wie ein betoniertes Fundament, auf das man sein Haus bauen kann. Wie ein Baum auf seiner Wurzel richtet sich meine Wirbelsäule darauf auf.
Mein Brustbein schiebt sich noch ein wenig weiter nach vorne, sodass ich die Schultern noch lockerer hängen lassen kann. Die Haltung verfeinert sich weiter, bis ich das Gefühl habe, den Himmel mit meinem Kopf stützen zu können.
Dann taucht wieder diese Müdigkeit auf, die den ganzen, heutigen Tag zu prägen scheint. Alles in mir und um mich herum verschwimmt einwenig. Meine Augen fallen mir fast zu. Ich bin geistig irgendwo weit weg oder vielleicht auch nirgends, aber auf jeden Fall bestimmt nicht aufmerksam beim Atem. Noch im Moment des Erkennens spannt sich mein Geist wieder etwas an, die Augen öffnen sich ein wenig mehr, und ich komme zurück.
Die Müdigkeitsattacke hat mich auch körperlich erschlaffen lassen, denn meine Haltung wurde schlechter. Mit dem Bemerkten korrigiert sich auch das fast von selbst. Frisch gerichtet und wieder erstaunlich wach bündle ich mich wieder und lausche wiederum zum Atem hin. Die Übung scheint diesmal noch etwas tiefer zu gehen als in der letzten Wachphase. Dann taucht abermals diese lästige Müdigkeit auf. Dieses Wechselbad erlebe ich noch ein paar Mal, bis mich die Klangschale mit ihrem vertrauten „Pliiiinngggg“ zurückholt.
Das Gehen ist mir nicht mehr so fremd wie letztes Mal. Ich habe mich ja auch gründlich darüber informiert und mein Defizit an Wissen überwiegend beseitigt. Dieser Praxis etwas Meditatives abzugewinnen fällt mir aber immer noch schwer. Trotzdem, es ist und bleibt eine herrliche Erholung für Beine und den Rücken.
Ein „Klick“ geht durch den Raum als die Schlaghölzer unserer Meisterin aufeinander treffen. Eine mir noch unbekannte Kraft setzt an meinem Zentrum an und führt mich auf sanfte Weise zu meinem Platz. Diesmal liegt mein schwächeres Bein oben. Vermutlich wird es in den kommenden zwanzig Minuten einschlafen. Das macht mir nichts aus. Denn ich bin entschlossen weiter zu üben und mich dem vollen Lotussitz stetig zu nähern. Genau auf diese wunderbare Weise nähere ich mich meinem Selbst ganz langsam und behutsam. Atemzug für Atemzug. Wer einen Vogel genau sehen will, stürmt auch nicht auf ihn zu, sondern bleibt erst einmal stehen. Er sieht, und lauscht. Nähern wird er sich erst später, ganz behutsam. Denn sonst fliegt er gleich weg.
Dann wird es still.
Wie diese Sitzung wohl sein wird? Jeder kennt sie; die Erwartungen, denen man sich nur zu gerne hingibt, wenn man nach einem Erfolgserlebnis eine Sache zum zweiten Mal in Angriff nimmt. Nur zu gerne möchte der menschliche Geist Dinge wiederholen. Ich versuche alle Erwartungen abzulegen. Besonders die Hoffnung, es könnte mir diesmal einfacher fallen, oder ich könnte mehr erreichen, will ich gar nicht erst aufkommen lassen. Ich mache mir bewusst, dass es alles nur einmal gibt, und in diesem Moment erreiche ich den verschneiten Parkplatz.
Die Nummer 16 scheint mir sympathisch. Ich stelle meinen Wagen ab, und ehe ich mich versehe, wate ich durch eine Mischung aus Matsch und Neuschnee. Gehe vorbei am Einkaufszentrum und zur Wendeltreppe hin. Die Dinge erscheinen mir anders als letztes Mal. Sie wirken schon nahezu fremdartig. Des Dalai Lamas Worte, dass die Dinge nicht inhärent existieren, gehen mir durch den Kopf. Wie recht er doch hat.
Ich öffne die Tür zum ökumenischen Zentrum und trete ein. Mir fällt auf, dass der Raum in dem wir letztes Mal meditiert haben leer ist. Dafür erblicke ich meine Meisterin mit einer Schülerin in der Küche. Diese beiden Menschen erscheinen mir im Vergleich zum letzten Mal sehr vertraut. Mein Augenmerk fällt auf die Schülerin. Sie ist gross, blond, komplett schwarz gekleidet, vielleicht Mitte vierzig und trägt eine Brille. Ich durfte sie letztes Mal schon kennen lernen, erinnere mich aber nicht an ihren Namen.
Es ist schwer zu beschreiben, was mir an der Dame auffällt. Anders als alle anderen scheint sie irgendwie zu leuchten. Sie leuchtet, aber nicht im sichtbaren Bereich, sondern irgendwie.... Egal. Ich wende mich den praktischen Dingen zu und helfe beim Einrichten.
Später erfahre ich, dass wir heute in der eher kleinen Küche sitzen, weil in unserem üblichen Raum die Heizung nicht funktioniert. „Es wäre unmöglich da drüben zu sitzen, und ich bin froh, dass wir hier sein können. Ich hätte euch sonst wieder nachhause schicken müssen“ sagt unsere Meisterin. Mir wird wieder bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in einem geheizten Raum zu sitzen. Ich werde ebenfalls dankbar, dass es mir heute überhaupt möglich ist, sitzen zu können. Ich wäre wohl sehr enttäuscht gewesen, hätte ich unverendeter Dinge umkehren müssen.
Nach den üblichen Ritualen setzen wir uns. Auch diesmal wird uns aus dem Buch „fünf Dinge“ vorgelesen. Ganz schön anspruchsvoll, was einem hier am Montagmorgen zugemutet wird. Ich brauche all meine Konzentration um den Text auf einmal und umfassend aufzunehmen. Genau genommen gelingt es mir trotz meinen Bemühungen nicht, den Inhalt in seiner ganzen Tiefe zu verstehen.
„Ich bin ja auch hier, weil ich ein bisschen gefordert werden will“. Denke ich mir und vertraue darauf, dass die für mich wichtigen Passagen in mich eingedrungen sind.
Diesmal sitzen wir japanisch, also gegen die Wand. Ich bin froh darüber, denn wir sitzen so eng beieinander, dass man sein Gegenüber sonst zwangsläufig im Sichtfeld hätte. Meine Fähigkeiten sind noch lange nicht soweit, dass ich eine bunt gekleidete Person im Sichtfeld einfach ausblenden und bei mir bleiben könnte.
Mein Sitz fühlt sich gut an. Er ist stabiler und lockerer als noch vor zwei Wochen. Wenn nur diese diffuse Müdigkeit nicht wäre. Dieses belämmert sein, dieser Nebel im Geist, der sich manchmal ganz schön in mir ausbreitet. Die Müdigkeit zieht sich auch immer wieder zurück, bis sie im Hintergrund meiner Wahrnehmung verschwindet. Trotzdem scheint sie aber nie ganz von mir zu weichen.
Vielleicht gerade deswegen kommt es mir vor, als hätte ich den hellen Ton der Klangschale knapp verpasst, als die Meditation beginnt. Ich lasse mich dadurch nicht beirren und fokussiere mich auf den Atem. Meine Haltung korrigiert sich fast von selbst, annähernd ohne mein bewusstes Beitragen. Meine Beine und mein Po sind schon fast mit der Erde verwachsen. Wie mit einem Klettverschluss verbunden scheinen sie fest an der Unterlage zu haften. Sie verankern mein Becken wie ein betoniertes Fundament, auf das man sein Haus bauen kann. Wie ein Baum auf seiner Wurzel richtet sich meine Wirbelsäule darauf auf.
Mein Brustbein schiebt sich noch ein wenig weiter nach vorne, sodass ich die Schultern noch lockerer hängen lassen kann. Die Haltung verfeinert sich weiter, bis ich das Gefühl habe, den Himmel mit meinem Kopf stützen zu können.
Dann taucht wieder diese Müdigkeit auf, die den ganzen, heutigen Tag zu prägen scheint. Alles in mir und um mich herum verschwimmt einwenig. Meine Augen fallen mir fast zu. Ich bin geistig irgendwo weit weg oder vielleicht auch nirgends, aber auf jeden Fall bestimmt nicht aufmerksam beim Atem. Noch im Moment des Erkennens spannt sich mein Geist wieder etwas an, die Augen öffnen sich ein wenig mehr, und ich komme zurück.
Die Müdigkeitsattacke hat mich auch körperlich erschlaffen lassen, denn meine Haltung wurde schlechter. Mit dem Bemerkten korrigiert sich auch das fast von selbst. Frisch gerichtet und wieder erstaunlich wach bündle ich mich wieder und lausche wiederum zum Atem hin. Die Übung scheint diesmal noch etwas tiefer zu gehen als in der letzten Wachphase. Dann taucht abermals diese lästige Müdigkeit auf. Dieses Wechselbad erlebe ich noch ein paar Mal, bis mich die Klangschale mit ihrem vertrauten „Pliiiinngggg“ zurückholt.
Das Gehen ist mir nicht mehr so fremd wie letztes Mal. Ich habe mich ja auch gründlich darüber informiert und mein Defizit an Wissen überwiegend beseitigt. Dieser Praxis etwas Meditatives abzugewinnen fällt mir aber immer noch schwer. Trotzdem, es ist und bleibt eine herrliche Erholung für Beine und den Rücken.
Ein „Klick“ geht durch den Raum als die Schlaghölzer unserer Meisterin aufeinander treffen. Eine mir noch unbekannte Kraft setzt an meinem Zentrum an und führt mich auf sanfte Weise zu meinem Platz. Diesmal liegt mein schwächeres Bein oben. Vermutlich wird es in den kommenden zwanzig Minuten einschlafen. Das macht mir nichts aus. Denn ich bin entschlossen weiter zu üben und mich dem vollen Lotussitz stetig zu nähern. Genau auf diese wunderbare Weise nähere ich mich meinem Selbst ganz langsam und behutsam. Atemzug für Atemzug. Wer einen Vogel genau sehen will, stürmt auch nicht auf ihn zu, sondern bleibt erst einmal stehen. Er sieht, und lauscht. Nähern wird er sich erst später, ganz behutsam. Denn sonst fliegt er gleich weg.
Dann wird es still.