Ausgetranced in Goa
Verfasst: Mo 16. Jan 2006, 14:02
Ausgetranced in Goa
Goa – Strandpartys ohne Ende: Das war einmal. Indiens Behörden setzen
plötzlich rigoros Verbote durch, denn sie träumen von sittsamen Gästen
mit dickem Portemonnaie.
Hoch am Himmel leuchtet der Tropenmond. Sanft rollen die Wellen in die
Bucht. Im Schein der Lagerfeuer leuchten Planeten in fluoreszierenden
Farben: neongrün, orange, gelb, pink. Schemenhafte Gestalten flüstern
gestikulierend. Niemand lacht. Nur zwischen den Felsen heult die
Hundemeute. Es ist ein Uhr morgens. Drei Stunden hatte die indische
Polizei gebraucht, um die illegale Strandparty aufzuspüren und
aufzulösen. Sämtliches Musik-Equipment hat sie konfisziert. Ebenso den
Stromgenerator und – natürlich – die Kasse der improvisierten Bar.
Es ist neuerdings still nachts an Goas Stränden. Die Party ist zu Ende.
Dabei machte gerade dieses Image Goa so attraktiv: Hippie-Hochburg,
Freak-City, Aussteiger- Paradies mit traumhaften Stränden, wo alles ein
bisschen lockerer ist, ein bisschen ausgeflippter. Hier ist die Wiege
des Goa-Musikstils – einer Fusion aus indischen Klängen und
psychedelischem Techno. In ganz Europa gehören Goa-Partys inzwischen zum
festen Partyprogramm.
Goa ist nicht Indien. Die Einheimischen sind berühmt – und im übrigen
Indien berüchtigt – für ihre Laisser-faire- Mentalität. «Shanti – keep
cool», lautet ihr Leitspruch. Das kommt den westlichen Sinnsuchern
entgegen, die sich gerne gleich für Wochen oder gar Monate in Goa
einrichten. Doch dieses Jahr ist alles anders. «Bald ist Weihnachten»,
jammert ein tätowierter Engländer, «und in ganz Goa hat noch keine
einzige anständige Party stattgefunden.» Seit Oktober wartet er. Bald,
vertrösten die Einheimischen, bald geht es los.
Doch auch Restaurant-Besitzer und Händler werden nervös. Schliesslich
lebt Goa gut von seinem Ruf: Rund 2,5 Millionen Touristen besuchen jedes
Jahr die 3702 Quadratkilometer grosse ehemalige portugiesische Provinz
an der südwestlichen Küste des Subkontinents. Um 23,5 Prozent sei die
Besucherzahl im letzten Jahr gestiegen, jubiliert das
Fremdenverkehrsamt, und der goanische Tourismus- Minister Mathany
Saldanha rechnet für die Saison 2005/06 mit einer erneuten Steigerung um
sagenhafte 40 Prozent.
Auch bei Schweizern ist Indien diesen Winter eine beliebte Destination,
um Kälte und Feiertagen zu entgehen. Besonders Goa boomt. Der
Feriengigant Hotelplan etwa schickt jede Woche einen voll bepackten
Charter mit 200 Passagieren ins Shanti-Paradies. Rund 90 Prozent dieser
Pauschaltouristen deklarieren ihren Trip zwar als Badeferien. Die
Strandparty gehört aber auch bei ihnen zum Programm. Ein Schnappschuss
von halb nackten Freaks, die ekstatisch in den Sonnenaufgang tanzen, ist
Pflichtbestandteil jeder Ferienfoto-Sammlung.
Die indischen Behörden sehen das neuerdings anders. Laut einem Gesetz
von 2001 ist Musik im Freien nach 22 Uhr verboten. Im Frühling wurde
zudem in ganz Indien Rauchen in Restaurants und auf allen öffentlichen
Plätzen verboten; und der Alkoholkonsum wurde auf Lokale mit Lizenz
beschränkt. Indien möchte ein saubereres Image, und Goa mit seinen
lockeren Sitten steht zuoberst auf der Putzliste.
Als das Musikverbot vor vier Jahren in Kraft trat, löste die Polizei zum
Saisonauftakt alle Strandpartys auf. Aber dieser Aktivismus flaute
jeweils nach wenigen Wochen merklich ab: dank reichlich fliessenden
Bestechungsgeldern, ohne die in Indien gar nichts geht. Dieses Jahr aber
helfen weder Protest noch Bakschisch. In den Partyzentren Vagator und
Anjuna kiffen sich die gelangweilten Gäste die Abende schön und gehen um
23 Uhr schlafen. So etwas wie Nachtleben findet einzig in den
Hotelbunkern von Calangute und Baga statt – Hochburgen des
Pauschaltourismus. Fettleibige Engländer feiern dort mit hochroten
Gesichtern in bester Ballermann-Manier.
«Es ist eine Katastrophe», jammern die Taxifahrer, die sich bei der
Vagator-Beach die Beine in den Bauch stehen. «Vor einem Jahr zur
gleichen Zeit kam man kaum zu Fuss bis hierher, so viel buntes Partyvolk
drängelte nachts zum Strand.» Taxifahrer sind Goas gut informierte
Zentrale, die stets als Erste wissen, wo sich eine Party anbahnt. Doch
diese Saison sei überall tote Hose, klagen sie.
Bird-Watching statt Feiern
Gleich im September gaben die Behörden den Tarif durch. Sie schlossen in
Vagator die Bar «Nine», den Dreh- und Angel-punkt der Partynation. Die
Goaner glauben, das indische Tourismusministerium wolle eine neue
Klientel anziehen: nicht Rucksacktouristen der Habenichtsklasse, sondern
Gäste mit gehobenen Ansprüchen und dickem Portemonnaie. So wie auf den
benachbarten Seychellen. Unwahrscheinlich nur, dass sich Gäste der
Luxuskategorie mit den typisch goanischen Unannehmlichkeiten anfreunden
können – etwa tägliche Stromausfälle, fehlende Sanitäranlagen an den
Stränden, keine Kläranlagen.
Doch Goa will mehr bieten. Das Tourismus-Ministerium empfiehlt
Bird-Watching, Krokodil-Touren oder Cricket-Kurse für Kids. Nur: Immer
noch kommen die meisten Besucher wegen der Strände – und den
Strandpartys. Ihnen dämmert erst vor Ort, dass die Partys vorbei sind.
Es wird noch ein, zwei Saisons dauern, bis sich beim Mainstream-
Publikum herumspricht, dass die schönsten Goa-Partys nicht mehr in Goa
stattfinden. Diese steigen im Sommer an der türkischen Küste und im
Winter in Thailand.
Goa – Strandpartys ohne Ende: Das war einmal. Indiens Behörden setzen
plötzlich rigoros Verbote durch, denn sie träumen von sittsamen Gästen
mit dickem Portemonnaie.
Hoch am Himmel leuchtet der Tropenmond. Sanft rollen die Wellen in die
Bucht. Im Schein der Lagerfeuer leuchten Planeten in fluoreszierenden
Farben: neongrün, orange, gelb, pink. Schemenhafte Gestalten flüstern
gestikulierend. Niemand lacht. Nur zwischen den Felsen heult die
Hundemeute. Es ist ein Uhr morgens. Drei Stunden hatte die indische
Polizei gebraucht, um die illegale Strandparty aufzuspüren und
aufzulösen. Sämtliches Musik-Equipment hat sie konfisziert. Ebenso den
Stromgenerator und – natürlich – die Kasse der improvisierten Bar.
Es ist neuerdings still nachts an Goas Stränden. Die Party ist zu Ende.
Dabei machte gerade dieses Image Goa so attraktiv: Hippie-Hochburg,
Freak-City, Aussteiger- Paradies mit traumhaften Stränden, wo alles ein
bisschen lockerer ist, ein bisschen ausgeflippter. Hier ist die Wiege
des Goa-Musikstils – einer Fusion aus indischen Klängen und
psychedelischem Techno. In ganz Europa gehören Goa-Partys inzwischen zum
festen Partyprogramm.
Goa ist nicht Indien. Die Einheimischen sind berühmt – und im übrigen
Indien berüchtigt – für ihre Laisser-faire- Mentalität. «Shanti – keep
cool», lautet ihr Leitspruch. Das kommt den westlichen Sinnsuchern
entgegen, die sich gerne gleich für Wochen oder gar Monate in Goa
einrichten. Doch dieses Jahr ist alles anders. «Bald ist Weihnachten»,
jammert ein tätowierter Engländer, «und in ganz Goa hat noch keine
einzige anständige Party stattgefunden.» Seit Oktober wartet er. Bald,
vertrösten die Einheimischen, bald geht es los.
Doch auch Restaurant-Besitzer und Händler werden nervös. Schliesslich
lebt Goa gut von seinem Ruf: Rund 2,5 Millionen Touristen besuchen jedes
Jahr die 3702 Quadratkilometer grosse ehemalige portugiesische Provinz
an der südwestlichen Küste des Subkontinents. Um 23,5 Prozent sei die
Besucherzahl im letzten Jahr gestiegen, jubiliert das
Fremdenverkehrsamt, und der goanische Tourismus- Minister Mathany
Saldanha rechnet für die Saison 2005/06 mit einer erneuten Steigerung um
sagenhafte 40 Prozent.
Auch bei Schweizern ist Indien diesen Winter eine beliebte Destination,
um Kälte und Feiertagen zu entgehen. Besonders Goa boomt. Der
Feriengigant Hotelplan etwa schickt jede Woche einen voll bepackten
Charter mit 200 Passagieren ins Shanti-Paradies. Rund 90 Prozent dieser
Pauschaltouristen deklarieren ihren Trip zwar als Badeferien. Die
Strandparty gehört aber auch bei ihnen zum Programm. Ein Schnappschuss
von halb nackten Freaks, die ekstatisch in den Sonnenaufgang tanzen, ist
Pflichtbestandteil jeder Ferienfoto-Sammlung.
Die indischen Behörden sehen das neuerdings anders. Laut einem Gesetz
von 2001 ist Musik im Freien nach 22 Uhr verboten. Im Frühling wurde
zudem in ganz Indien Rauchen in Restaurants und auf allen öffentlichen
Plätzen verboten; und der Alkoholkonsum wurde auf Lokale mit Lizenz
beschränkt. Indien möchte ein saubereres Image, und Goa mit seinen
lockeren Sitten steht zuoberst auf der Putzliste.
Als das Musikverbot vor vier Jahren in Kraft trat, löste die Polizei zum
Saisonauftakt alle Strandpartys auf. Aber dieser Aktivismus flaute
jeweils nach wenigen Wochen merklich ab: dank reichlich fliessenden
Bestechungsgeldern, ohne die in Indien gar nichts geht. Dieses Jahr aber
helfen weder Protest noch Bakschisch. In den Partyzentren Vagator und
Anjuna kiffen sich die gelangweilten Gäste die Abende schön und gehen um
23 Uhr schlafen. So etwas wie Nachtleben findet einzig in den
Hotelbunkern von Calangute und Baga statt – Hochburgen des
Pauschaltourismus. Fettleibige Engländer feiern dort mit hochroten
Gesichtern in bester Ballermann-Manier.
«Es ist eine Katastrophe», jammern die Taxifahrer, die sich bei der
Vagator-Beach die Beine in den Bauch stehen. «Vor einem Jahr zur
gleichen Zeit kam man kaum zu Fuss bis hierher, so viel buntes Partyvolk
drängelte nachts zum Strand.» Taxifahrer sind Goas gut informierte
Zentrale, die stets als Erste wissen, wo sich eine Party anbahnt. Doch
diese Saison sei überall tote Hose, klagen sie.
Bird-Watching statt Feiern
Gleich im September gaben die Behörden den Tarif durch. Sie schlossen in
Vagator die Bar «Nine», den Dreh- und Angel-punkt der Partynation. Die
Goaner glauben, das indische Tourismusministerium wolle eine neue
Klientel anziehen: nicht Rucksacktouristen der Habenichtsklasse, sondern
Gäste mit gehobenen Ansprüchen und dickem Portemonnaie. So wie auf den
benachbarten Seychellen. Unwahrscheinlich nur, dass sich Gäste der
Luxuskategorie mit den typisch goanischen Unannehmlichkeiten anfreunden
können – etwa tägliche Stromausfälle, fehlende Sanitäranlagen an den
Stränden, keine Kläranlagen.
Doch Goa will mehr bieten. Das Tourismus-Ministerium empfiehlt
Bird-Watching, Krokodil-Touren oder Cricket-Kurse für Kids. Nur: Immer
noch kommen die meisten Besucher wegen der Strände – und den
Strandpartys. Ihnen dämmert erst vor Ort, dass die Partys vorbei sind.
Es wird noch ein, zwei Saisons dauern, bis sich beim Mainstream-
Publikum herumspricht, dass die schönsten Goa-Partys nicht mehr in Goa
stattfinden. Diese steigen im Sommer an der türkischen Küste und im
Winter in Thailand.