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Die Zukunft der Landwirtschaft

Verfasst: Fr 16. Dez 2011, 15:03
von SO FUCKING DETERMINED
Am 9. Januar gehts für mich wieder los in der Landwirtschaft. Bis im Sommer als Praktikant, danach 3 Jahre als Lehrling. Mein Jahr auf dem FiBL-Hof in Frick hat mich nachhaltig geprägt. Ich dachte zuerst, das Studentenleben wäre was für mich. Doch nun, nach nur wenigen Wochen im Studiengang Umweltingenieurwesen in Wädenswil, habe ich mich besonnen und mache dort weiter, wo ich Anfang März dieses Jahres aufgehört habe.

Das Faszinierende an der Landwirtschaft liegt für mich in der total archaischen Arbeit, im täglichen Arbeiten mit der Natur, mit Tieren und irgendwie auch in der Abgeschiendenheit von der Zivilisation bzw. unserer entfremdeten Gesellschaft. Man ist mehr oder weniger das ganze Jahr über 10 oder mehr Stunden am Tag am Krampfen, da bleibt keine Zeit für unnötige Gedanken wie wer bin ich oder was möchte ich darstellen. Man ist ständig eins mit der Natur, jeden Tag völlig eingebunden in die natürlichen Abläufe der Tiere und Pflanzen. Das führt dazu, dass man sich tagtäglich von neuem erden kann. Man lebt und arbeitet jeden Tag in einer Beziehung mit der Natur und versucht, deren Rhythmus für die Ernhährung der Bevölkerung zu nutzen.

Da ich kein Interesse habe an allzu intensiver Vollgas-Landwirtschaft, wie sie leider immer noch zu einem grossen Teil in der Schweiz praktiziert wird, habe ich mich für alle drei Lehrjahre auf Biohöfen entschieden. Das letzte Lehrjahr werde ich womöglich sogar auf einem Demeter-Hof absolvieren.
Wenn man in all diese Mechanismen und Abläufe in der Landwirtschaft eingebunden ist, fragt man sich bald einmal, wie es wohl in Zukunft weiter gehen wird mit der Schweizer Landwirtschaft. Klar ist, dass all die Hardcore-Bauern, die die Direktzahlungen des Bundes hauptsächlich für Expansion und grössere, schwerere Maschinen einsetzen irgendwann die Natur an ihre Grenzen bringen. Das Problem haben wir ja schon vielerorts: Bodenerosion, Überdüngung, völlig überzüchtete Kühe, die so hochgezüchtet sind, dass sie ohne massiven Einsatz von Kraftfutter (das natürlich aus Soja besteht, das aus Brasilien kommt, wodurch der Amazonas immer mehr abgeholzt werden muss) abmagern und irgendwann kollabieren.

Das Problem ist, dass auch der Bund die ständige Expansion eines Betriebes mit seinen Direktzahlungen unterstützt. Je mehr GVE (eine Milchkuh = 1 GVE (Grossvieheinheit)) und je mehr Hektaren Land ein Betrieb bewirtschaftet, desto mehr Geld erhält er jährlich. Und was soll mit all den Monstertraktoren geschehen, wenn in 10 Jahren oder so der Dieselpreis so hoch ist, dass er sämtliche Bauern (zuerst natürlich die kleinen) in den Ruin treibt. Die Zukunft der Landmaschinen liegt angeblich in Elektrotraktoren. Aber woher will man den Strom dafür nehmen? Und was werden solche Traktoren kosten? Schon nur die (umwelttechnisch natürlich sinnvolle) Aufrüstung auf Partikelfilter würden viele Bauern nicht vermögen. Zwar existiert so weit ich weis in der EU eine Partikelfilterpflicht für Traktoren ab etwa 170 PS (keine Ahnung wie das in der Schweiz aussieht), aber die wenigsten Bauern in der Schweiz haben so starke Traktoren.

Das Ziel wäre eine viel extensivere Landwirtschaft, um die systematische Überlastung der Natur zu stoppen. Aber das würde wohl wiederum der Schweizer Wirtschaft schaden.
Mal angenommen in den nächsten 20 Jahren hätten wir in der Schweiz ein Versorgungsproblem, weil die Landwirtschaft nicht mehr genug liefern kann und wir zu viel exportieren. Dann müssten wohl die Exporte gestoppt werden und die Güter aus der Landwirtschaft nur noch zur Versorgung der eigenen Bevölkerung eingesetzt werden. Aber könnte die Schweizer Wirtschaft das verkraften? Extensiv würde auch heissen weniger Hochleistungskühe, also weniger oder gar kein Kraftfutter mehr. Dies würde bedeuten weniger Milchproduktion. In der konventionellen Landwirtschaft würden dadurch viele Probleme gelöst, weil da sowieso viel zu viel Milch produziert wird. Das Problem ist dass der tiefe Milchpreis die Bauern dazu bringt, noch mehr Milch zu produzieren, damit sich die Produktion wieder lohnt. Irgendwie müsste dieser Mechanismus wieder umgekehrt werden.

Im Grunde ist die Milchproduktion aus meiner Sicht sowieso sehr fraglich, betrachtet man die Würde des Tieres: Das Kalb wird der Mutter nach wenigen Tagen weggenommen und entweder nach 5 Monaten zu Kalbfleisch verarbeitet oder falls es ein Weibchen ist und eine Milchrasse ist wird es aufgezogen, wenn es geschlechtsreif ist gedeckt und wird dann selber zur Milchkuh, die jährlich ein Kalb gebären und es kurz nach der Geburt wieder hergeben muss.
Die Mutterkuhhaltung ist auf den ersten Blick würdevoller dem Tier gegenüber: Das Kalb wird bei der Kuh gelassen, damit sie es aufziehen kann. Doch auch hier wird es nach 5 Monaten geschlachtet. Ausserdem ist die Mutterkuhhaltung nur auf Fleischproduktion ausgerichtet und unser übermässiger Fleischkonsum ist bekanntlich mit Schuld daran, dass wir die Natur dermassen ausbeuten müssen.

Auch im Gemüse- oder Ackerbau ist die Situation fraglich. Gemüse muss sehr vielen Qualitätsstandards genügen, damit es seinen Weg zum Grossverteiler findet. Dadurch landet ein grosser Teil davon wiederum in den Rindermägen. Bei Kartoffeln beispielsweise muss etwa ein Drittel aussortiert werden, weil sie zu klein, zu gross, zu unförmig sind oder sonstige Mängel aufweisen, obwohl sie eigentlich noch perfekt zum Verzehr geeignet wären. Im Obstbau gibt es immerhin die Möglichkeit, die nicht für den Verkauf geeigneten Früchte zu vermosten.
Im Ackerbau haben wir eben das Problem der übermässigen Bodenbearbeitung. Zerstörung von Bodenlebewesen durch Pflüge, Verdichtung durch zu schwere Maschinen (ein grosser Mähdrescher wiegt etwa 20 Tonnen, Zuckerrübenerntemaschinen sogar bis zu 60 Tonnen), Überdüngung, Bodenerosion etc. Sorten, die im konventionellen Anbau verwendet werden liefern zwar hohe Erträge, sind aber anfällig auf Schädlinge. Im Biolandbau wird ständig nach resistenten Sorten gesucht. Diese liefern aber wieder weniger Ertrag.

Meiner Meinung nach wäre das Ziel, dass möglichst extensive Landwirtschaft betrieben wird, viel weniger Fleisch produziert wird, mehr widerstandsfähige, alte, nicht überzüchtete Rassen eingesetzt werden, wodurch auch Milchüberschusse oder ständige Antibiotikaeinsätze vermindert werden. Des Weiteren müssten die Ansprüche des Konsumenten an ästhetische Nahrungsmittel gesenkt werden (eine Kartoffel mit einer Delle kann man immer noch essen), es müssten mehr alte, schädlingsresistente Sorten gepflanzt/gesäät werden.
Aber das müsste auch durch den Bund unterstützt werden und mit dem heutigen Direktzahlungssystem wird eine extensive Landwirtschaft alles andere als unterstützt.

Re: Die Zukunft der Landwirtschaft

Verfasst: Fr 16. Dez 2011, 17:37
von juerg
so lange junge leute die filterias musik lieben /happy
und mit solchen grundidealen diesen beruf erlernen
ist die zukunft einer naturnahen landwirtschaft, gesichert O:)

machs guet!

p.s. zum glück gibt es immer mehr leute wie dich ;)
denn bald werden all die leute die ihre wurzeln, zu gunsten einer technoiden gesellschaft abgegeben haben
dein/unser naturverbundenes wissen benötigen und ersuchen...

Re: Die Zukunft der Landwirtschaft

Verfasst: Fr 16. Dez 2011, 18:22
von SO FUCKING DETERMINED
Das mag sein aber es sind immer noch viel zu wenig Menschen die so denken. Und es pressiert!!! Und es ist halt schon so, dass auch der Biolandbau nicht perfekt ist, nichtmal Demeter ist wirklich perfekt, weil auch da den Kühen die Kälber weggenommen und geschlachtet werden. Natürlich ist das eine Frage des Marktes, denn was der Markt verlangt, muss die Landwirtschaft produzieren. Egal ob Vollgas- oder Demeter-Landwirtschaft. Immerhin lassen die Demeter-Bauern den Rindern ihre Hörner. Ich finde es immer wieder traurig die entstellten Kuhköpfe in den Ställen zu sehen.

Da bewundere ich die Inder: Die sagen einfach: Kühe werden nicht angerührt, weil sie heilig sind. :-D Die haben irgendwie erkannt, was die Kuh für ein wertvolles Tier ist. Befasst man sich ein bisschen näher mit diesem Tier, sieht man, wie aussergewöhnlich Kühe eigentlich sind. Schon nur die Tatsache, dass man vorne Gras einfüllen kann und nach einer Weile hinten Dünger rauskommt ist doch beachtlich!

Re: Die Zukunft der Landwirtschaft

Verfasst: Fr 16. Dez 2011, 19:00
von juerg
SO FUCKING DETERMINED hat geschrieben: wie aussergewöhnlich Kühe eigentlich sind. Schon nur die Tatsache, dass man vorne Gras einfüllen kann und nach einer Weile hinten Dünger rauskommt ist doch beachtlich!
das können wir doch auch..oben flüssigkeiten reinleeren und unten kommt dünger heraus

zukunft der landwirtschaft? strohballen an alle wohnungen mit balkon verteilen :-D


mein gemüse dünge ich aber nicht damit...
durch den unregelmässig verteilten stickstoff, wird dann halt die wiese vor dem haus, unregelmässig sattgrün..
aber dafür erspahr ich der allgemeinheit kläranlagenkosten..