Analyse
Stadt fürchtet sich vor der Öffentlichkeit
Silvia Weigel zur Reglementierung der Luzerner Fasnacht
Die Stadt Luzern verkauft es als Geschenk an die Bevölkerung und die Fasnacht. Doch was die Direktion von Stadträtin Ursula Stämmer im stillen Kämmerlein mit den Gewerblern ausgeheckt hat, ist nichts anderes als eine Reglementierung der Luzerner Fasnacht, eine Überreglementierung sogar.
Kafi-Schnaps-Kontrolleure sollen nun auf jene Gruppen losgehen, die an der Fasnacht illegal Getränke verkaufen – wenigstens auf einen Teil von ihnen. Denn nach heftigen Reaktionen aus Fasnachtskreisen räumte Ursula Stämmer ein: «Man kann an der Fasnacht nicht alles kontrollieren.» Sie bestätigte aber, dass die Kontrollen intensiviert werden – und dass dabei kein Unterschied zwischen Fasnachtsgruppen und Guuggenmusigen gemacht werde. Dies, nachdem gemäss Gewerbeverordnung die Sache zwar schon seit jeher illegal war, man die Kafi-Wagen aber über Jahrzehnte geduldet hat. Gleichzeitig durften die Gewerbler neue Verpflegungszonen definieren, für die sie gleich noch die Standbetreiber ausgesucht haben. Allen Ständen – auch denen auf privatem Grund – wird dazu noch ein Pfandsystem aufgedrückt.
Oh, Verzeihung. Nicht aufgedrückt, natürlich. Die Regulierungen, die nicht so genannt werden dürfen, wurden ja mit allen Beteiligten am runden Tisch ausgearbeitet. «Runder Tisch», «breiter Konsens» – ich weiss nicht, wie oft Ursula Stämmer und ihr Mitarbeiter Rico De Bona, Leiter Stadtraum und Veranstaltungen, mit diesen Allgemeinplätzen um sich geworfen haben.
Doch was ist eigentlich von diesem viel zitierten runden Tisch zu halten? Zwei Punkte scheinen aufschlussreich:
Zur Begrüssung einer der Sitzungen – das Protokoll liegt unserer Zeitung vor – schwört Rico De Bona die Beteiligten zuerst darauf ein, nichts an die Medien dringen zu lassen.
Unter den 24 geladenen Gästen der Sitzung finden sich gerade mal acht Fasnächtler – der Rest besteht aus Mitgliedern der Verwaltung und Gewerblern. Einer der Beteiligten sagt: «Da gab es keine Diskussion, keinen Erfahrungsaustausch. Die Stadt und Gwärb Lozärn haben verkündet, wie es laufen soll.»
Sieht so eine offene Diskussion aus? Oder breiter Konsens? Mitnichten. Die Stadt scheint die Öffentlichkeit zu fürchten. Das zeigt auch die Art und Weise, wie über die neuen Regulierungen der Luzerner Fasnacht informiert wurde. Man hat versucht, eine breite Diskussion durch Geheimhaltung zu verhindern. Mit gutem Grund. Denn als die Öffentlichkeit durch unsere Zeitung von der geplanten 100-Franken-Vignette für Fasnachtswagen erfuhr, war die Empörung so gross, dass die Stadt einen Rückzieher machte. Nun wurde bekannt, dass die Kafi-Schnaps-Kontrolleure ins Rennen geschickt werden sollen – laut De Bona sechs Angestellte der Stadtverwaltung, die die «wilden» Verkaufsstände kontrollieren sollen. Weil zu diesen «Wilden» selbstredend ganz viele Guuggenmusigen gehören, ist der Aufschrei wiederum gross gewesen.
Offen informiert hat die Stadt übrigens nicht über diese Pläne. An der Pressekonferenz verkündeten Stämmer und De Bona lediglich, dass es nun erstmals Verpflegungszonen geben wird. Ein Zusatzangebot. Was für ein Gewinn! Dass der jahrelangen Tradition der Tee- und Kafi-Wagen praktisch der Garaus gemacht werden soll, ergaben erst Recherchen unserer Zeitung. Auch wenn die Stadt inzwischen ein Stück zurückgekrebst ist und in einem Brief – mitunterzeichnet von den Präsidenten der Vereinigten Guuggenmusigen Luzern und des Lozärner Fasnachtskomitees (LFK) – zu beschwichtigen versucht, an den Tatsachen ändert sich nichts: Die Stadt will gegen den illegalen Getränkeverkauf vorgehen. Auch wenn es sich bei den Betreibern um hiesige Guuggenmusigen handelt.
Übrigens: Nicht nur Kontrolleure von Stadt und Kanton werden unterwegs sein. Im Sitzungsprotokoll steht, dass auch Gwärb Lozärn an den Kontrollen beteiligt sein wird. Die Wirte, Metzger und Bäcker, die sich in diesem Verein zusammengeschlossen haben, dürfen sich die unliebsame Konkurrenz also persönlich vom Hals schaffen. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die Luzerner Wirte sozusagen zu den Vätern der traditionellen Tee- und Kafi-Wagen gehören. Immerhin haben sie ihre Preise an der Fasnacht so in die Höhe getrieben, dass die Fasnächtler ihre Verpflegung selbst in die Hand genommen haben.
silvia.weigel@luzernerzeitung.ch
Quelle: Neue Luzerner Zeitung vom 14.02.2011