Sie sind eigentlich alle verärgert
Verfasst: Di 2. Dez 2008, 15:07
Frühmorgens schon, wenn sie sich im Auto dem Parkplatz nähern, beginnt es. Manchmal rückt auch erst nach dem Schliessen der Autotür, nachdem das Radio verstummt, erst nach ein paar Schritten Richtung Eingang, die Abneigung gegen die bevorstehenden Stunden in den Vordergrund.
Hier, ausserhalb der Firma, ist der Krampf noch nicht so akut. Einige schleichen mit gesenk-ten Köpfen Richtung Firmentür. Sie scheinen eher in ihren Rucksäcken zu hängen, als dass sie diese tragen. Andere pressen dieses Gefühl bereits ein wenig tiefer in sich hinein, viel-leicht einen oder zwei Zentimeter unter ihre Oberfläche. Ihr Gesicht wirkt kühl und starr. Sie gehen an einem vorbei, ohne einen auch nur eines kurzen Blickes zu würdigen. „Macht Platz für mich und meine Arbeit“ strahlen sie aus, obwohl sie das vermutlich gar nicht so empfin-den. Hie und da erblickt man einen Menschen im zügigem Gang. Mit einer Zigarette in der Hand, an der er gierig saugt, vermittelt er klar: „Ich bin ganz wichtig und muss dringend zur Arbeit. Weil ich gestern bis spät abends nach zwei Überstunden noch irgendwo aktiv war, bin ich jetzt übermüdet und zu spät aufgestanden. Ich muss mich darum beeilen. Denn ohne mich geht ja nichts“. Auch der Gang auf dem Absatz mit etwa zwei Portionen zuviel Selbstsicher-heit sticht heraus. „Ich bin hier der Chef. Darum muss ich dich nicht anschauen“ strahlt es ei-nem entgegen.
In gewisser Hinsicht sind sie alle motiviert. Ihr tägliches Erscheinen zeigt mindestens ein Bestreben, Geld zu verdienen. Da haben wir ein Stück Motivation, welches eigentlich eine gute Sache ist. Schliesslich verdient man mit der Arbeit in erster Linie seinen Lebensunter-halt. Es scheint aber bei näherem Betrachten etwas schwierig, aus dieser Motivation die nöti-ge Kraft zu tanken. Gerade heute werden Motivation und Eigenverantwortung in der Wirt-schaft über alles gepredigt. Nur ist mit dem täglichen Erscheinen die Arbeit der meisten ja noch nicht getan, und genau hier fängt das Problem an.
Auf viele Menschen auf dem Arbeitsweg scheint das zuzutreffen. Sie kommen, um Geld zu verdienen und haben keine Möglichkeit sich zu verstecken, keine Schlupfwinkel, um sich zu-rück zu ziehen. Den ganzen Tag sitzen sie im Blickwinkel ihrer Vorgesetzten und es wird von ihnen verlangt, dass sie nicht nur ihre Arbeit tun, sondern auch, dass sie diese motiviert und mit Hingabe tun. Das sollen sie selbstverständlich auch, nachdem sie wiederholt schlecht be-handelt wurden, weil ein anderer Arbeitender seinerseits den Frust, den er nicht mehr halten konnte, an ihnen abgeladen hat. Erschwerend hinzu kommt noch, dass man schliesslich gut sein und geschätzt werden will. Manch einer möchte, obwohl er an der gegenwärtigen Arbeit keine Freude findet, aufsteigen und quält sich so noch strenger als es nötig wäre.
Kubikmeterweise stopfen sie Frustration und Unlust in sich hinein. Sie schlucken die Mono-tonie, den Stress und die Frustration, die sie innerlich fast zum brodeln bringt. Diese beiden und all die anderen negativen Gefühle regen den Fluchtinstinkt des Menschen auf tiefster Ebene an. Er befiehlt uns damit von innen heraus, dass wir diesen Ort verlassen sollen. Dass wir ihn verlassen sollen, weil nicht gut ist für uns, was da mit uns passiert. Und er befiehlt es, weil wir Gefahr laufen, durch die Gefühlsregungen auch anderen zu schaden, wenn wir nicht fliehen.
Es ist fast wie mit schlechtem Essen. Jeder kann ein wenig davon ertragen, ohne dass ihm et-was passiert. Die gesunde Verdauung wehrt eine gewisse Menge schlechter Nahrung einfach ab. Wird die Menge grösser, so erfahren wir zum Beispiel eine Blähung. Ein übelriechender Geruch in uns entsteht und muss aus uns heraus. Wird die Menge noch grösser, werden wir durch unsere belastete Verdauung immer mehr geschwächt. Das geht soweit, bis wir unseren Tag auf dem stillen Örtchen damit verbringen, uns des im Übermass entstandenen Mülls zu entledigen.
Genau wie mit dem Essen scheint mir das auch mit vielen Geistern zu gehen. Diese Menschen nehmen Unmut, Frustration und manchmal sogar Zorn in grösserem Masse auf, als sie ertra-gen können. Sie müssen das alles schlucken, denn wie mit einer Waffe droht ihnen ein Büro mit einer Kündigung oder ausbleibender Teuerungsanpassung, wenn sie es nicht tun. Sie stop-fen die schlechte Nahrung in sich hinein... hinein... hinein. Und ganz langsam entsteht die Blähung.
Einen Moment lang versuchen sie natürlich so zu tun, als ob nichts wäre. Nur schon aus purer Rücksicht auf die anderen, und vielleicht auch um stark zu wirken, pressen sie die geistigen Pobacken zusammen. Aber niemand kann so was ewig verkneifen. Genauso wie ein Darm das Bedürfnis anmeldet, abzugasen, genauso wie er seinen Druck auf den Anus stetig steigert, be-ginnt im Innern der Zorn an die Hülle des Willens zu pochen. Irgendwann bricht der Wille, da er begrenzt ist. Dann tun diese Menschen Dinge, die den Mitmenschen in ihrer Nähe schaden. Sie belasten sie mit den entstandenen, übelriechenden Gasen, die ihrerseits als schlechte, geis-tige Nahrung wirken. Auch wenn sie es nicht wollen, durch das Abgasen im Umfeld treiben sie den bestehenden Kreislauf weiter voran. Manchmal kommt es mir vor, als ob einige sogar ihren geistigen Dünnschiss bis zum letzten halten wollten. Sie sind stark und schaffen es län-ger sich zu Kasteien. Aber man stelle sich nur einmal vor was passiert, wenn ihre Kraft bricht.
Andere haben, so scheint es mir, den Zustand akzeptiert und kultivieren nahezu eine geistige Haltung des Abgasens. Sie neigen täglich mehrmals den Kopf leicht nach vorne und unten, blicken dem gegenüber hart in die Augen und zeigen mit dem Zeigefinger auf ihn, wenn er sich nicht konform verhält oder sie in geringster Weise stört.
Alle scheinen sie mir wütend und frustriert zu sein, auch wenn man es nicht auf den ersten Blick erkennen kann. Bestimmt wollten sie das einst nicht, hatten alle gute Beweggründe, ei-ne Stelle anzutreten und vielleicht sogar gute Vorsätze, wie sie diese meistern wollten. Doch sie haben es nicht geschafft und schaffen es immer noch nicht. Alle diejenigen, die bleiben, geraten in den Strudel, der seit langem zu bestehen scheint. In ihm scheint keiner schwimmen zu können. Im Gegenteil, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich so bewegen, dass sie den Strudel nur mehr anfachen, in dem sie dann selbst ertrinken.
Irgendwann ist ihr Mass voll und sie können Aggression, Frust und Unmut einfach nicht mehr aufnehmen und umwandeln. Sie verlieren ihr wirkliches Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl und werden dadurch zu einem Teil des Systems. Einige tun es unbewusst, andere sind sich des inneren Zerfalls bewusst. Sie kommen aber zum Schluss, dass sie keine andere Wahl ha-ben.
So oder so, auch der edle und fertige Klang der soliden Autotüre macht diese Tatsache in der Dunkelheit des kalten Wintermorgens nicht besser. Auch der Radiowecker eines bekannten Designers macht das Aufstehen nicht einfacher, und der teure Wein am Abend spendet nur einen kurzen, schwachen und vorübergehenden Trost. Und doch scheinen viele an diesen Kult zu glauben und ihm nahezu zu verfallen. Sie haben alle bereits den grauen Star auf ihren geis-tigen Augen und ein starkes Ohrensausen in ihrem dritten Ohr.
Woher kommen sonst wohl die vielen, verschiedenen Wellness Angebote? Die ultimativen Orte totalen Einklangs und Stille, weit weg vom Alltag? Oder die absolut exklusiven Parties in ausgefallenen Locations; der Lifestyle, der heute wohl bereits in tausend Arme aufgefächert ist, und der von vielen über alles gehalten und gelebt wird? Die Liste könnte wohl über eine weitere Seite ausgedehnt werden. Ich verzichte gerne darauf.
Wir ziehen uns an Wochenenden oder freien Tagen zurück an einen entfernten Ort, weit weg von unserem täglichen Leben und unseren Problemen. Wir machen eine kleine Kur, damit sich unsere Verdauung wieder ein wenig beruhigen und erholen kann. Wir dürfen uns das ja auch gönnen, denn wir haben die ganze Woche über hart gearbeitet; wir haben viel ertragen und den Teller immer ganz leer gegessen, egal was serviert wurde.
Man kann wohl niemandem einen Vorwurf machen, denn das wäre absurd. Wie könnte man jemandem einen Vorwurf machen, der Blähungen hat, weil er etwas schlechtes zu essen er-wischt hat?
Genauso absurd scheint aber die Tatsache, dass wir diejenigen, die an einer Blähung leiden, nicht ins Freie oder auf Abstand gehen lassen. Wir füttern sie mit dem Essen weiter, das ihnen nicht gut bekommt. Wenn sie einmal kräftig abgasen, schelten wir sie noch und betiteln sie als schlechte Menschen. Wir bieten der Blähung regelrecht unsere Unterstützung an. Aber auch das ist kein Anlass zu einem Vorwurf, denn es ist ja, wie beschrieben, ein Kreislauf, in dem sich der oder die Scheltende ebenfalls befinden muss.
Es geht überhaupt nicht darum, zu klagen oder Vorwürfen zu machen. Wäre es nicht einfach schön, wenn wir gesellschaftlich soweit kommen könnten, dass wir diejenigen, die unter ei-ner Blähung leiden, an die frische Luft führen könnten? Wenn wir denjenigen mit Durchfall eine freistehende Toilette zeigen könnten? Ihnen vielleicht ein Getränk mit Elektrolyten brin-gen könnten, um das Wasser und die Mineralstoffe zu ersetzen, die sie durch den Dünnpfiff verlieren?
Fangen wir doch einfach bei uns selbst an, und achten wir darauf wovon wir uns körperlich und geistig ernähren. Und helfen wir gleichzeitig anderen, damit ihnen wohler wird, denn das ganze ist ein Kreislauf. Nehmen wir uns Zeit und analysieren unsere tägliche, geistige Nah-rung. Finden wir heraus, was die Magen-Darm-Verstimmungen auslöst. Eine Gesellschaft, die von chronischen Verdauungsbeschwerden geplagt ist, scheint mir auf jeden Fall sehr bedürf-tig zu sein. Und sie verdient unsere Hilfe.
Hier, ausserhalb der Firma, ist der Krampf noch nicht so akut. Einige schleichen mit gesenk-ten Köpfen Richtung Firmentür. Sie scheinen eher in ihren Rucksäcken zu hängen, als dass sie diese tragen. Andere pressen dieses Gefühl bereits ein wenig tiefer in sich hinein, viel-leicht einen oder zwei Zentimeter unter ihre Oberfläche. Ihr Gesicht wirkt kühl und starr. Sie gehen an einem vorbei, ohne einen auch nur eines kurzen Blickes zu würdigen. „Macht Platz für mich und meine Arbeit“ strahlen sie aus, obwohl sie das vermutlich gar nicht so empfin-den. Hie und da erblickt man einen Menschen im zügigem Gang. Mit einer Zigarette in der Hand, an der er gierig saugt, vermittelt er klar: „Ich bin ganz wichtig und muss dringend zur Arbeit. Weil ich gestern bis spät abends nach zwei Überstunden noch irgendwo aktiv war, bin ich jetzt übermüdet und zu spät aufgestanden. Ich muss mich darum beeilen. Denn ohne mich geht ja nichts“. Auch der Gang auf dem Absatz mit etwa zwei Portionen zuviel Selbstsicher-heit sticht heraus. „Ich bin hier der Chef. Darum muss ich dich nicht anschauen“ strahlt es ei-nem entgegen.
In gewisser Hinsicht sind sie alle motiviert. Ihr tägliches Erscheinen zeigt mindestens ein Bestreben, Geld zu verdienen. Da haben wir ein Stück Motivation, welches eigentlich eine gute Sache ist. Schliesslich verdient man mit der Arbeit in erster Linie seinen Lebensunter-halt. Es scheint aber bei näherem Betrachten etwas schwierig, aus dieser Motivation die nöti-ge Kraft zu tanken. Gerade heute werden Motivation und Eigenverantwortung in der Wirt-schaft über alles gepredigt. Nur ist mit dem täglichen Erscheinen die Arbeit der meisten ja noch nicht getan, und genau hier fängt das Problem an.
Auf viele Menschen auf dem Arbeitsweg scheint das zuzutreffen. Sie kommen, um Geld zu verdienen und haben keine Möglichkeit sich zu verstecken, keine Schlupfwinkel, um sich zu-rück zu ziehen. Den ganzen Tag sitzen sie im Blickwinkel ihrer Vorgesetzten und es wird von ihnen verlangt, dass sie nicht nur ihre Arbeit tun, sondern auch, dass sie diese motiviert und mit Hingabe tun. Das sollen sie selbstverständlich auch, nachdem sie wiederholt schlecht be-handelt wurden, weil ein anderer Arbeitender seinerseits den Frust, den er nicht mehr halten konnte, an ihnen abgeladen hat. Erschwerend hinzu kommt noch, dass man schliesslich gut sein und geschätzt werden will. Manch einer möchte, obwohl er an der gegenwärtigen Arbeit keine Freude findet, aufsteigen und quält sich so noch strenger als es nötig wäre.
Kubikmeterweise stopfen sie Frustration und Unlust in sich hinein. Sie schlucken die Mono-tonie, den Stress und die Frustration, die sie innerlich fast zum brodeln bringt. Diese beiden und all die anderen negativen Gefühle regen den Fluchtinstinkt des Menschen auf tiefster Ebene an. Er befiehlt uns damit von innen heraus, dass wir diesen Ort verlassen sollen. Dass wir ihn verlassen sollen, weil nicht gut ist für uns, was da mit uns passiert. Und er befiehlt es, weil wir Gefahr laufen, durch die Gefühlsregungen auch anderen zu schaden, wenn wir nicht fliehen.
Es ist fast wie mit schlechtem Essen. Jeder kann ein wenig davon ertragen, ohne dass ihm et-was passiert. Die gesunde Verdauung wehrt eine gewisse Menge schlechter Nahrung einfach ab. Wird die Menge grösser, so erfahren wir zum Beispiel eine Blähung. Ein übelriechender Geruch in uns entsteht und muss aus uns heraus. Wird die Menge noch grösser, werden wir durch unsere belastete Verdauung immer mehr geschwächt. Das geht soweit, bis wir unseren Tag auf dem stillen Örtchen damit verbringen, uns des im Übermass entstandenen Mülls zu entledigen.
Genau wie mit dem Essen scheint mir das auch mit vielen Geistern zu gehen. Diese Menschen nehmen Unmut, Frustration und manchmal sogar Zorn in grösserem Masse auf, als sie ertra-gen können. Sie müssen das alles schlucken, denn wie mit einer Waffe droht ihnen ein Büro mit einer Kündigung oder ausbleibender Teuerungsanpassung, wenn sie es nicht tun. Sie stop-fen die schlechte Nahrung in sich hinein... hinein... hinein. Und ganz langsam entsteht die Blähung.
Einen Moment lang versuchen sie natürlich so zu tun, als ob nichts wäre. Nur schon aus purer Rücksicht auf die anderen, und vielleicht auch um stark zu wirken, pressen sie die geistigen Pobacken zusammen. Aber niemand kann so was ewig verkneifen. Genauso wie ein Darm das Bedürfnis anmeldet, abzugasen, genauso wie er seinen Druck auf den Anus stetig steigert, be-ginnt im Innern der Zorn an die Hülle des Willens zu pochen. Irgendwann bricht der Wille, da er begrenzt ist. Dann tun diese Menschen Dinge, die den Mitmenschen in ihrer Nähe schaden. Sie belasten sie mit den entstandenen, übelriechenden Gasen, die ihrerseits als schlechte, geis-tige Nahrung wirken. Auch wenn sie es nicht wollen, durch das Abgasen im Umfeld treiben sie den bestehenden Kreislauf weiter voran. Manchmal kommt es mir vor, als ob einige sogar ihren geistigen Dünnschiss bis zum letzten halten wollten. Sie sind stark und schaffen es län-ger sich zu Kasteien. Aber man stelle sich nur einmal vor was passiert, wenn ihre Kraft bricht.
Andere haben, so scheint es mir, den Zustand akzeptiert und kultivieren nahezu eine geistige Haltung des Abgasens. Sie neigen täglich mehrmals den Kopf leicht nach vorne und unten, blicken dem gegenüber hart in die Augen und zeigen mit dem Zeigefinger auf ihn, wenn er sich nicht konform verhält oder sie in geringster Weise stört.
Alle scheinen sie mir wütend und frustriert zu sein, auch wenn man es nicht auf den ersten Blick erkennen kann. Bestimmt wollten sie das einst nicht, hatten alle gute Beweggründe, ei-ne Stelle anzutreten und vielleicht sogar gute Vorsätze, wie sie diese meistern wollten. Doch sie haben es nicht geschafft und schaffen es immer noch nicht. Alle diejenigen, die bleiben, geraten in den Strudel, der seit langem zu bestehen scheint. In ihm scheint keiner schwimmen zu können. Im Gegenteil, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich so bewegen, dass sie den Strudel nur mehr anfachen, in dem sie dann selbst ertrinken.
Irgendwann ist ihr Mass voll und sie können Aggression, Frust und Unmut einfach nicht mehr aufnehmen und umwandeln. Sie verlieren ihr wirkliches Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl und werden dadurch zu einem Teil des Systems. Einige tun es unbewusst, andere sind sich des inneren Zerfalls bewusst. Sie kommen aber zum Schluss, dass sie keine andere Wahl ha-ben.
So oder so, auch der edle und fertige Klang der soliden Autotüre macht diese Tatsache in der Dunkelheit des kalten Wintermorgens nicht besser. Auch der Radiowecker eines bekannten Designers macht das Aufstehen nicht einfacher, und der teure Wein am Abend spendet nur einen kurzen, schwachen und vorübergehenden Trost. Und doch scheinen viele an diesen Kult zu glauben und ihm nahezu zu verfallen. Sie haben alle bereits den grauen Star auf ihren geis-tigen Augen und ein starkes Ohrensausen in ihrem dritten Ohr.
Woher kommen sonst wohl die vielen, verschiedenen Wellness Angebote? Die ultimativen Orte totalen Einklangs und Stille, weit weg vom Alltag? Oder die absolut exklusiven Parties in ausgefallenen Locations; der Lifestyle, der heute wohl bereits in tausend Arme aufgefächert ist, und der von vielen über alles gehalten und gelebt wird? Die Liste könnte wohl über eine weitere Seite ausgedehnt werden. Ich verzichte gerne darauf.
Wir ziehen uns an Wochenenden oder freien Tagen zurück an einen entfernten Ort, weit weg von unserem täglichen Leben und unseren Problemen. Wir machen eine kleine Kur, damit sich unsere Verdauung wieder ein wenig beruhigen und erholen kann. Wir dürfen uns das ja auch gönnen, denn wir haben die ganze Woche über hart gearbeitet; wir haben viel ertragen und den Teller immer ganz leer gegessen, egal was serviert wurde.
Man kann wohl niemandem einen Vorwurf machen, denn das wäre absurd. Wie könnte man jemandem einen Vorwurf machen, der Blähungen hat, weil er etwas schlechtes zu essen er-wischt hat?
Genauso absurd scheint aber die Tatsache, dass wir diejenigen, die an einer Blähung leiden, nicht ins Freie oder auf Abstand gehen lassen. Wir füttern sie mit dem Essen weiter, das ihnen nicht gut bekommt. Wenn sie einmal kräftig abgasen, schelten wir sie noch und betiteln sie als schlechte Menschen. Wir bieten der Blähung regelrecht unsere Unterstützung an. Aber auch das ist kein Anlass zu einem Vorwurf, denn es ist ja, wie beschrieben, ein Kreislauf, in dem sich der oder die Scheltende ebenfalls befinden muss.
Es geht überhaupt nicht darum, zu klagen oder Vorwürfen zu machen. Wäre es nicht einfach schön, wenn wir gesellschaftlich soweit kommen könnten, dass wir diejenigen, die unter ei-ner Blähung leiden, an die frische Luft führen könnten? Wenn wir denjenigen mit Durchfall eine freistehende Toilette zeigen könnten? Ihnen vielleicht ein Getränk mit Elektrolyten brin-gen könnten, um das Wasser und die Mineralstoffe zu ersetzen, die sie durch den Dünnpfiff verlieren?
Fangen wir doch einfach bei uns selbst an, und achten wir darauf wovon wir uns körperlich und geistig ernähren. Und helfen wir gleichzeitig anderen, damit ihnen wohler wird, denn das ganze ist ein Kreislauf. Nehmen wir uns Zeit und analysieren unsere tägliche, geistige Nah-rung. Finden wir heraus, was die Magen-Darm-Verstimmungen auslöst. Eine Gesellschaft, die von chronischen Verdauungsbeschwerden geplagt ist, scheint mir auf jeden Fall sehr bedürf-tig zu sein. Und sie verdient unsere Hilfe.
