Techno: eine Ehrenrettung

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biberfreund

Techno: eine Ehrenrettung

Beitrag von biberfreund »

Techno: eine Ehrenrettung

Techno wird zur Chiffre für das Scheitern einer Generation. Vergessen gehen dabei die Verdienste einer revolutionären Musik.11.04.2008 von Tobi Müller, Das Magazin

Die Figur von Beat stimmt auch mit vierzig noch – Waschbrettbauch, Knackarsch. Gut, die Haare sind gefärbt. Und um Beats Beziehungstalent steht es deutlich schlechter als um seinen Marktwert im Schwulenklo. Helena, Ende dreissig, träumt hingegen von der Mutterschaft. Doch wie einen Samenspender finden, wenn man als Künstlerin meistens nur in der Psychiatrie ausgestellt hat? Auf Rolis Stirn steht sowieso Loser, das ist der mit den vielen Projekten. Und Claudia fährt in Brasilien einen Esoterik-Trip.

Willkommen zur Freak-Show. Beat, Helena, Roli und Claudia sind Technotiere, einstige Ritter des chemischen Glücks. Heute lautet die Diagnose: Opfer, Gescheiterte, Krisenmenschen. Die vielen Drogen. Der Hedonismus. Das Tanzen, als gäbe es kein Morgen. Die Lüge der «Family», wie man die Partygemeinschaft nannte. Die Seinsvergessenheit einer ganzen Generation. Jetzt, mehr als zehn Jahre nach dem Rausch, kriegt sie die Rechnung. Der Spass ist vorbei. Wir haben es doch schon immer gewusst.

Die vier Freaks gibt es nur auf der Bühne. «Absolut Züri» heisst die Theaterserie, die in acht Folgen und an acht Orten Rückschau hält auf die sogenannte Techno-Generation. Die erste Folge hatte Ende Dezember Premiere, die letzte geht im Mai über die Bühne. Ein Riesenprojekt, eine tolle Idee für die Partystadt Zürich, die einst die Street Parade erfand und in deren Westen jedes Wochenende die Amüsierhorden einfallen.

Die Bühnenfiguren haben von Folge zu Folge mehr Eigenleben gewonnen. Nicht jede wird auf ihren Drogenkonsum reduziert. Es geht jetzt auch allgemein um das Älterwerden, um Patchwork-Familien, um Angst vor Verantwortung oder vor dem Alleinsein. Die zweite Folge war bereits sehr lustig, führte die Generation der Eltern ein und wechselte schnell die Ebenen. Die dritte zeigte dann endlich eine Klubnacht: äusserst dunkel, aber auch zart – und so informiert wie richtig. Nun steht bereits die sechste Folge an.
«Techno», sagt der Miterfinder der Serie und Beat-Darsteller Andreas Stadler, «Techno ist nur das Brennglas, unter dem all diese Phänomene erscheinen.» Der Berner Stadler, 43, war Technojünger der ersten Stunde. Dann ging er nach Berlin. Feierte viel. Und kennt seine Figuren, die er mit dem Hauptautor Patrick Schuckmann entwickelt hat, auch aus dem richtigen Leben. Er sieht, vor allem in der schwulen Technoszene Berlins, viele Menschen, die «nicht mehr weiterkommen». Er wagt moralische Fragen: Waren das alles Lügen, was haben wir alles verpasst? Und macht sich dabei ausgiebig lustig über seine Vergangenheit. Das ist heil- wie unterhaltsam. Technospezifisch ist es nicht.

Es gibt die Freaks auch in Zürich, nicht nur unter Schwulen. Bloss: Wie viele sind es? Hundert, zweihundert? Was es nicht gibt, ist die Generation Techno. Das ist eine mediale Konstruktion. Die Köpfe von «Absolut Züri» gehören zum Kern einer Szene, deren grösster Teil nicht zum Kern gehörte. Techno war nie eine strenge Jugendbewegung. Viele stiessen erst Mitte zwanzig oder Anfang dreissig dazu. In einem Alter, als die Punks ihre Meisterprüfung ablegten, studierten und die Lederjacke nur noch am Wochenende montierten. Techno war für die meisten erst dann interessant, als das Leben nicht mehr ganz so dramatisch nach einem totalen Lebensentwurf schrie. Und weil Techno auf den ersten Blick seltsam inhaltsleer war, übte er wenig Druck aus, so oder anders zu sein. Techno schuf keine autoritäre Identität – im Gegensatz zu allen Jugendbewegungen zuvor.

Die Welt hatte ihre Freude daran, von steifen Kulturkritikern abgesehen, die in den zuckenden Massen den Faschismus im bunten Kleid heraufziehen sahen. Der Grund für diese breite Akzeptanz lag auf der Hand: Mobiliar ging keines in die Brüche. Statt Rebellion zeigte Techno nackte Haut. Und Techno hat etwa in Zürich zur kommerziellen Aufwertung ganzer Stadtteile geführt. Dies alles erklärt die permissive Haltung den Partydrogen gegenüber. Was in manchen Klubs in Zürichs Westen offen getrieben wurde, erstaunte selbst Besucher aus Berlin. Bis vor ein paar Jahren. Just zum Zeitpunkt, als der äussere Kreis 5 kulturwirtschaftlich aufgerüstet war und die Mieten stiegen, ging man auch härter gegen die Klubs vor. Tenor bei Polizei, Medien und Konvertiten: Die Party ist vorbei.

Moralische Mainstream-Kritik

Auf die wirtschaftliche Sättigung folgte also die moralische Empörung. In einem diffusen Gefühl des Spassverbots wird nun eine Generation erfunden, die es als Masse nie gab. Dies von Leuten, die entweder noch nie oder zu viel Drogen genommen haben. So fühlt sich die Technokritik an wie eine protestantische Kritik an der Fasnacht. Als würde man sagen: Die Fasnächtler ficken mit vierzig besoffen durch die Nacht, kotzen am Morgen in die Blumentröge und übernehmen keine gesellschaftliche Verantwortung. Doch die Fasnacht findet nur im November und dann noch im Februar statt. Für die grosse Mehrzahl der älteren Technojünger verhält es sich ähnlich: vielleicht alle drei, vier Monate mal abstürzen.

Die moralische Mainstream-Kritik deckt sich deshalb so unheimlich mit der Selbstkritik des harten Kerns, weil beide Positionen die Mehrheit ausblenden. Beide behalten nur die Freaks im Blick. Nichts gegen Freaks, die Masse fühlt sich von ihnen heimlich angezogen. Weil es, gerade im hochpreisigen Zürich, heldenhaft wirkt, Freak zu bleiben. Doch als demografischer Ausschnitt sind die Kerntechnoiden einfach nicht besonders relevant.

Über Drogen kann man immer reden und behält meistens recht dabei. Ja, gesund sind sie nicht, und über ihre Herkunft möchte man etwa im Fall von Kokain lieber nicht allzu viel wissen. Bloss: Das häufige Mischen von Substanzen wie Ecstasy mit Koks mit Speed mit Alkohol hat erst spät eingesetzt und beschränkt sich keineswegs auf die Technoszene.

Durchbruch zur Moderne

Was Techno als Kulturtechnik erreicht hat, war so erfolgreich, dass man es gar nicht mehr bemerkt. Oder bemerken will, da diese Verdienste mit der Schiessbudenfigur des runzeligen Ravers nicht zusammengehen. Techno war spätrevolutionär in dem Sinn, als diese Musik einige Grundmuster der Moderne durchgesetzt hat.

Wer die Entwicklung von Techno nicht Schritt für Schritt miterlebt hatte, erfuhr diese Musik erst einmal als Schock. Keine Refrains, kaum Stimmen, keine Gitarren, kein akustisches Schlagzeug. Für ungeübte Ohren: keine Entwicklung, kein Gefühl – keine Musik. Der heute 53-jährige deutsche Schriftsteller und Musiker Thomas Meinecke hat mir vor fünf Jahren zu Protokoll gegeben: «Sowas wie Techno aus Detroit versteht man erst nach mindestens 100 Stunden Hören, wovon 80 vielleicht nicht einmal sehr erfreulich waren. Doch dann bemerkt man die feinsten Unterschiede, man lernt sie zu lesen – und gerät sofort in die Nähe der Esoterik. Mir ist klar, dass hier Glaubensdinge ins Spiel kommen.»

Die Masse der Technotänzer lernte Techno mit demselben Effekt «lesen»: Es kamen tatsächlich Glaubensdinge ins Spiel. Wenn man will: eine ästhetische Ideologie. Denn Techno «lesen» ist ein bisschen wie Jelinek lesen, die multiple Autorschaft bei Brecht bedenken und Steve Reich oder Stockhausen hören (nur viel, viel körperlicher). Erst einmal nicht sehr erfreulich, aber dann öffnet sich eine Welt. Monotonie, Wiederholung, Nonsens. Montage, mischen, sampeln. Immer geht es um eine nicht authentische Formensprache. Eine Sprache, die sich weigert, Identität vorzutäuschen. Und sie gerade in dieser Verwerfung neu schafft. Techno hat dem Mainstream die Moderne erklärt. Ohne Worte.

Und während die Geisteswissenschaften an den Unis den Post-Feminismus predigten, lernte der Techno-Underground in der Praxis allein, dass das nicht so einfach ist mit dem Mann- oder Frausein. Schwule und Heten mischten sich. Frauen konnten flirten, ohne damit Verfügbarkeit zu signalisieren. Und Hetero-Männer merkten, dass Erotik auf der Tanzfläche mehr bedeutet als die Brust zu blähen und den nächsten Drink zu bezahlen. Vielleicht scheint dies Menschen ab 25 heute selbstverständlich.
Drogen waren im Spiel, das ist richtig. Aber der Sieg war ein historischer.

Folge 6: 17.–19. April (Premiere kommenden Donnerstag), Theater Rigiblick. Weitere Folgen: 7.–9. Mai Migros-Restaurant Limmatplatz, 27.–30. Mai Fabriktheater Rote Fabrik, Zürich.
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cand_eesh_flip
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Re: Techno: ehrengattung

Beitrag von cand_eesh_flip »

ah die 90-er Jahre.. das eine und noch vieles andere
LOVE PEACE AND HAPPYNESS _raven bis der doktor kommt... /pille

sehr spannend. waren das noch zeiten..

_ weiss eigentlich noch jemand wie das war?!? ..... ausser laut !! hehe

vieles ging wieder verloren...
doch die party blieb...

und es wurde besser---; )
_ex.te.ce.ss two all eareas_
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